uebertriebene Hygiene
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Keine übertriebene Hygiene: Kinder müssen sich auch mal schmutzig machen dürfen

Zu viel Sauberkeit macht krank – klingt wie ein Paradoxon, ist aber Tatsache. Und das in Zeiten, wo uns die Werbung suggeriert, alles muss „porentief rein“ und „99,9 % keimfrei“ sein. Hygiene im Haushalt ist zu einem gewissen Maße notwendig, doch besonders Kinder, deren Immunsystem nicht stimuliert und dadurch trainiert wird, können in der Folge an gesundheitlichen Problemen leiden, welche sich in Form von Allergien und Autoimmunerkrankungen manifestieren.

Schmutzige Kinderhände? Bleiben Sie gelassen

Selbstverständlich müssen Sie es nicht hinnehmen, wenn Ihr Kind sich händeweise Dreck in den Mund stopft, oder kopfüber in einen Misthaufen springt. Im Schmutz befinden sich auch Krankheitserreger, die unsere Gesundheit bedrohen können. Unter anderem dank Max von Pettenkofer herrschen bei uns gewisse Hygienestandards in Bezug auf Abwasser und Schmutz, sodass Seuchen und Epidemien verhindert werden. Inzwischen haben wir in Europa das gegenteilige Problem: Weitgehende Keimfreiheit. Kinder müssen sich jedoch mit häufig vorkommenden Keimen und Erregern auseinandersetzen. Die Welt mit Kinderaugen zu sehen, mag ja sehr nett sein, aber um die Welt auch zu verstehen, muss man sie begreifen. Eliminieren Sie tatsächliche Gefahrenquellen, aber nehmen Sie Ihrem Kind nie die Chance, neugierig und kreativ zu sein. Wer Angst davor hat, sich die Finger schmutzig zu machen, hat auch im späteren Leben einen Nachteil.

Neugierde darf Spuren hinterlassen

Ein Mechaniker darf auch mit ölverschmierten Händen und mit dreckiger Montur seine Brotzeit einkaufen. Wenn Ihr Kind also mit Spuren des frisch gebackenen Sandkastenkuchens im Gesicht zur Nachbarin läuft, sind Sie deswegen kein schlechter Elternteil. Dass Sauberkeit mit Moral gleichgesetzt wird, ist ein Relikt aus den vergangenen zwei Jahrhunderten, wovon wir uns endlich lösen sollten. Bekämpfen Sie also nicht heroisch jeden klebrigen Finger und jeden schwarzen Strich auf der Stirn, es reicht, wenn vor dem Zubettgehen die Spuren eines harten Tages entfernt werden. Ständiges Einseifen führt dazu, dass der Schutzmantel der Haut zerstört wird. Vor allem: Auf Kinderhänden haben Desinfektionsmittel nichts verloren, da sich sonst irgendwann eine Resistenz gegen gewisse Erreger herausbildet.

Wie viel Hygiene braucht ein Kind?

Eine Studie des bayrischen Umweltministeriums beweist: Stadtkinder leiden 15 Mal häufiger an Allergien als ihre Altersgenossen am Land und am Bauernhof. Hohe Keimkonzentrationen halten das Immunsystem der Kinder auf Trab, es hat keine Zeit, sich um Pollen oder Katzenhaare zu „kümmern“. Macht man das Immunsystem aber durch ständiges Putzen, Scheuern und Händewaschen arbeitslos, ist ihm quasi langweilig, und es beginnt, harmlose Stoffe oder den eigenen Körper zu bekämpfen.

Eine Studie aus Finnland hat aufgezeigt, dass von 100.000 Kindern jährlich rund 58 an Diabetes Typ 1 erkranken. In Karelien, ein Gebiet in der Grenznähe zu Finnland, sind es hingegen weniger als 10 erkrankte Kinder. Die Kinder beider Regionen verfügen über ähnliche Gene. Einziger Unterschied: Der Hygienestandard. Anhand dieser Studie soll nun bewiesen werden, dass sterile Bedingungen im Kindesalter sich auf die Zusammensetzung der Darmflora auswirken, und Autoimmunerkrankungen wie Diabetes begünstigen können.

Trotzdem sollten Sie Ihr Kind nicht unbeaufsichtigt an Orten spielen lassen, wo es z.B. in Berührung mit Tierkot kommt, und diesen in den Mund nimmt. Dadurch können nämlich wirklich gefährliche Erkrankungen, wie zum Beispiel der Fuchsbandwurm, übertragen werden. Auch in öffentlichen Mülleimern, Rinnsteinen etc. haben Kinderhände nichts verloren, da wird auch nichts Erforschenswertes versäumt.

Bitte jedoch keinen gefährlichen Umkehrschluss aus dem Hygiene– und Allergiezusammenhang ziehen, indem Sie Ihren Kindern wichtige Schutzimpfungen vorenthalten, oder keine Medikamente bei schweren Infektionskrankheiten verabreichen. Das wäre nämlich ein höchst fahrlässiges Vorgehen.

Faktoren, die Ihr Kind am besten vor Allergien schützen:

  • Es gibt Geschwisterkinder und/ oder viel Kontakt zu anderen Kindern
  • Sie haben ein Haustier, z.B. ein Hund
  • Das Kind wird nicht ständig von oben bis unten gewaschen und eingeseift
  • Die Wohnung wird sauber gehalten, aber nicht desinfiziert (außer, jemand hat eine ansteckende Magen-Darm-Erkrankung, wie z.B. einen Noro oder Rota-Virus).

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